Historischer Vortrag

Geschichtlicher Vortrag von Dr. Thomas Foerster, den er am 16. Januar auf dem „Festabend zum Auftakt der Jubiläumsfeierlichkeiten“ in der Silberberhalle in Allmannsweier gehalten hat.

Es ist mir natürlich eine ganz besondere Ehre, dass ich in meinem Heimatort, wo ich aufgewachsen bin und als kleiner Bub angefangen habe, Geschichtsbücher zu lesen, dass ich hier in Allmannsweier einen Festvortrag halten darf – und noch dazu diesem Jubiläum unseres Dorfes. Ein runderes Jubiläum kann man sich wirklich kaum vorstellen. Was wir feiern sind 1000 Jahre Allmannsweier.

Das geht auf eine Urkunde Kaiser Heinrichs II. aus dem Jahr 1016 zurück. Aber ich sage es ihnen gleich vorweg: Allmannsweier ist noch viel älter als nur 1000 Jahre, nur besitzen wir eben keine schriftlichen Zeugnisse, die das Dorf vor dem Jahre 1016 erwähnen. In den Jahrhunderten danach finden wir unser Dorf immer wieder in den verschieden Urkunden und Verträgen. Aber für die Zeit davor, vor 1016, hat sich uns eben einfach nichts erhalten. Das Frühmittelalter war eine weitgehend mündliche Periode und von den wenigen Schriftstücken, die in dieser Zeit überhaupt niedergeschrieben wurden, ist ein großer Teil in den Tausend Jahren danach auch noch für immer verloren gegangen. Aus diesem Grund gibt es für das gesamte Frühmittelalter kaum schriftliche Quellen. Aber woher wissen wir denn dann wie alt unser Dorf ist? Dazu muss ich etwas weiter ausholen.

Alle Wege führen nach Rom, das wissen Sie. Und die Geschichte hier beginnt mit den Römern, die unsere Region im ersten Jahrhundert nach Christus mehr und mehr in Besitz genommen und dieses „Dekumatland“ mit dem Limes abgesichert haben.

Ursprünglich war die Ortenau ein unbesiedeltes Sumpfland. Feuchte Moore, die immer wieder von Hochwassern vom ungebändigten Rhein überschwemmt wurden und die von Schnaken heimgesucht waren. Schon in der Ur- und Frühgeschichte haben die verschiedenen großen Siedlungsbewegungen unsere Region immer nur am Rand erreicht. Archäologische Funde, die wir aus dieser Zeit haben, stammen eher von durchziehenden Jägern als von Siedlern (ein paar davon können Sie sich später hier im Vorraum in der Vitrine anschauen). Auch die Kelten hielten sich später lieber in ihren Höhensiedlungen im Breisgau. Der Name Ried sagt es ja schon: Die ganze Gegend war ein sumpfiger Morast, wo außer Riedgras kaum etwas wuchs. Auch der Name Ortenau, in der älteren Form Mortenau, geht auf ein keltisches Wort zurück, nämlich auf Mori-dunum, was man als Sumpf-Festung übersetzen kann.

Erst unter den Römern fand eine gewisse Erschließung und Besiedlung statt. Unter Cäsar wurde Gallien erobert und so wurde der Rhein zur Reichsgrenze. Um die Grenzen zwischen Rhein und Donau leichter verteidigen zu können, wurden große rechtsrheinische Gebiete, darunter auch unsere Region, erobert und durch eine Grenzbefestigung, den sogenannten Limes, gesichert, und dem römischen Frieden, der Verwaltung und Zivilisation unterworfen.

In unserer Region haben die Archäologen aus dieser Zeit vor allem römische Straßenstationen bei Friesenheim und Kippenheim, einen kleinen Herrensitz in Burgheim und eine zivile Siedlung mit Großtöpferei bei Dinglingen gefunden (Erzeugnisse dieser Töpferei können sie auch hier in der Vitrine sehen). Diese Siedlungen blühten und gedeihten, nicht zuletzt auch wegen des Handels mit den nicht-römischen Bevölkerungen, die von diesen Ortschaften angezogen wurden, Germanen und Kelten. Im 3. Jahrhundert befand sich das Römerreich aber in einer Krise, und schon bald wurde der Limes von Völkerschaften überrannt, denen die Römer nie mehr Herr werden sollten: Die Alemannen. Man darf sich diese Alemannen jetzt nicht als eine geschlossene Völkerschaft vorstellen. Vielmehr war es ein militärisches Zweckbündnis, eine Vereinigung „aller Mannen“, die zusammen in römischen Gebieten auf Raubzug gingen und sich nach vielen erfolgreichen Zügen im römischen Dekumatland zwischen Limes und Rhein ansiedelten. Viele der Römer und Kelten sind vor diesem Sturm geflüchtet, aber viele sind auch geblieben und haben sich später mit den neuen Herren arrangiert. Schon als die Römer hier siedelten, gab es Vermischungs- und Anpassungsprozesse zwischen der ursprünglichen keltischen Bevölkerung und den Römern, und unter den Alemannen setzten sich diese dann auch auf neuer Ebene fort. Viele Römer wurden versklavt, aber andere blieben auch freiwillig – und nach zwei bis drei Generationen hatte man sich in Kleidung, Sprache und Tradition angepasst. Das heißt, dass die Bevölkerung am Oberrhein schon immer ein Völkergemisch war, das sich halt immer wieder nach immer neuen Herren gerichtet hat, und immer wieder neue Einwanderer integriert hat.

Die Alemannen waren nun die neuen Herren, sie haben aber nie ein zentralisiertes Herrschaftsgebilde errichtet. Ganz anders war dies beim Nachbarstamm der Franken im heutigen Nordfrankreich, in Belgien und im deutschen Franken, die sich immer dichter politisch organisierten und zuletzt mit den Merowingern ein starkes Königtum bekamen, das nicht zuletzt auch sehr expansiv eingestellt war. Diesen Expansionswillen bekamen auch die Alemannen zu spüren. Allmählich wurde der alemannische Siedlungsbereich von den Franken erobert und als Herzogtum in den fränkischen Herrschaftsverband einbezogen – und die Franken nahmen auch bald von dem neuen Land Besitz. Es war erst in dieser Zeit, dass die Alemannen eine straffe politische Organisation bekamen, und auch geographisch erschlossen die Franken den neuen Herrschaftsverband. Zuerst im Elsass, und dann auch in rechtsrheinischem Gebiet gründeten die Franken neue Siedlungen als Herrschaftsmittelpunkte, die immer an strategisch wichtigen Höhenlagen oder Verkehrskreuzungen gelegen waren.

Bei uns in der Gegend kann vor allem die Siedlung in Burgheim, heute Stadtteil von Lahr, als ein solcher fränkischer Herrschaftsmittelpunkt zählen. Das wichtigste Mitbringsel der Franken war aber sicher das Christentum. Auf Betreiben der neuen Königsherrschaft und ihrer Repräsentanten wurden im alemannischen Gebiet Kirchen und Klöster gebaut, eine schon beim Herrschaftssitz in Burgheim, noch heute eine der ältesten Kirchen des Landes, und das Kloster in Schuttern noch im 7. Jahrhundert. Von hier aus wurden auch die wenigen Siedler in der sumpfigen Ortenau christianisiert.

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Eine grobe Vorstellung von den geschichtlichen Abläufen in unserer Region bekommen wir nicht nur aus der Archäologie, sondern auch aus der Namenkunde, in den Ortsnamen.

Die ursprünglichen römischen Ortsamen sind uns größtenteils verlorengegangen. Die Namen, die wir heute haben, stammen aus der Besiedlung durch Alemannen und Franken. Wenn sie sich ein bisschen in unserer Dorfgeschichte auskennen, haben sie bestimmt schon einmal gehört, dass der Name Allmannsweier auf einen gewissen Almar zurückgeht. Mehr als seinen Namen werden wir aber ohne schriftliche Quellen über diesen Almar nie herausfinden. Aber die Namenkunde bietet uns noch andere Informationen, die im Namen Almar nicht enthalten sind, nämlich in der zweiten Hälfte des Ortsnamens: das –weier.

Bei uns in der Gegend – vielleicht ist ihnen das ja schon aufgefallen – gibt es ganz unterschiedliche Endungen in den Dorfnamen. Die meisten enden auf ingen, heim, weier, weiler, zell, ach oder bach

Sie alle kennen Beispiele aus der Region: Es gibt –ingen (in unserer Gegend eigentlich fast nur Dinglingen). Es gibt –heim (wie in Ottenheim, Meißenheim oder Ichenheim). Wir haben –weier oder –weiler (wie in Allmannsweier, Nonnenweier, oder auch Kippenheimweiler). Es gibt –zell (wie in Schutterzell oder Heiligenzell), und es gibt Orte, die auf –ach oder –bach enden (wie Biberach, Reichenbach und Seelbach). Diese Namen gibt es aber nur oben im Schwarzwald. Die Besiedelung dieser Gegenden, das wissen wir aus einer Vielzahl von Quellen, fand vor allem im 11. und 12. Jahrhundert statt, also im Hochmittelalter, und damit in der Zeit nach den Ersterwähnungen unserer Dörfer im Ried. Damit sind sie auch für unsere Periode unwichtig. Orte wie Zell am Harmersbach oder Heiligenzell gehen auf das lateinische Wort cella zurück – eine Klosterzelle. Ein Kloster hat es in Allmannsweier nie gegeben, deshalb müssen diese uns auch nicht interessieren.

Damit bleiben uns noch die ingens, heims und weiers. Aus anderen Gebieten der Region, wo die schriftlichen Quellen etwas reicher fließen, konnten Historiker und Namenskundler eine Chronologie – eine Abfolge – dieser Namen erstellen, die uns dann auch für das Ried genauere Aussagen erlaubt. Demnach sind die Ingen-Orte die ältesten und dürften aus der Zeit der alemannischen Landnahme stammen, als die Alemannen die römischen Länder überrannt haben. Die Heims gehen dann wohl auf die fränkische Erschließung zurück, und die Weilers und Weiers kamen dann als letztes, in der sogenannten Ausbaustufe.

Wenn wir uns das alles einmal auf der Karte anschauen, dann sehen wir zuerst die Römerzeit, mit der Römerstraße, der Siedlung in Dinglingen, der Straßenstation in Friesenheim, und dem Herrensitz in Burgheim. Wie die Römer diese Orte genannt haben, wissen wir nicht mehr, das ist vollkommen in Vergessenheit geraten. Mit dem Alemanneneinfall wurde Burgheim und auch die Straßenstation aufgegeben, aber in der Siedlung Dinglingen ließen sich die Alemannen nieder und gaben ihr einen alemannischen Namen: Dinglingen, die Siedlung des Tuntelo. Ansonsten blieb die sumpfige Ortenau weitgehend unbesiedelt. Das sehen Sie vor allem daran, dass es bei uns keinen einzigen anderen Ingen-Ort gibt. Weiter südlich, im viel trockeneren Breisgau, gibt es wesentlich mehr. Kenzingen, Malterdingen, Bötzingen, Ihringen usw. Wenn Sie noch mehr Beispiele brauchen müssen Sie nur im Edeka mal am Weinregal vorbeilaufen. Dort haben viel mehr Alemannen gesiedelt als hier bei uns.

Wenn wir uns jetzt den Heim-Namen zuwenden, die am ehesten aus der Zeit der fränkischen Erschließung im sechsten Jahrhundert stammen, dann wird deutlich: Die Franken haben systematisch jeden strategisch wichtigen Punkt besetzt. Solche lagen zum einen bei den wichtigen Rheinübergängen, Ottenheim und Meißenheim, und dann in den verschiedenen Hochlagen am Rande des Schwarzwaldes: Schopfheim, Friesenheim, Burgheim und Mietersheim. Vor allem Burgheim war dabei wohl ein wichtiger Königshof, der wohl auch die Region beherrschte. Aus dieser Zeit stammen dann auch die Namen, die auf Kirchen und Klöster zurückgehen. Vor allem Kürzell und Schutterzell, die als einzelne Zellen von Schuttern aus gegründet wurden.

Das Ried zwischen diesen Ortschaften war in dieser Zeit immer noch ein überschwemmtes Sumpfgebiet, und erst in einer zweiten Ausbauphase begann man, sich auch auf leicht höhergelegenen Landstücken in diesem Sumpf anzusiedeln und das Umland trockenzulegen – und aus dieser Zeit stammen dann die weier- und weiler-Orte –eben auch Allmannsweier. Da stellt sich natürlich die Frage, wann das war. Ursprünglich war auch Schuttern ein Weiler-Ort. Oft wird es in den Quellen als Offonis villare bezeichnet, was bis heute wohl ein Offenweier geworden wäre. Die ersten Belege dafür stammen schon aus dem Jahre 817. Wenn wir also einen Weier-Namen aus der Ausbauphase schon in der Zeit Karls des Großen erwähnt haben, dann kann man annehmen, dass er wohl spätestens im ausgehenden 8. Jahrhundert gegründet wurde. So kann man dann wohl auch für die anderen Weier-Orte wie eben auch Allmannsweier annehmen, dass es im 8. Jahrhundert gegründet worden sein dürfte.

Man kann sich das so vorstellen, dass zunächst ein Siedler – unser Almar – mit seiner Familie oder auch seiner größeren Sippe war, der ein kleines, trockenes Stück Land erschloss und dort einen neuen Hof gebaut hat. Nach diesem Familienoberhaupt, Almar, ist der Ort dann benannt worden, oft auch erst Generationen später. Dann hatten sich nachgeborene Söhne oder freigelassene Knechte auch immer mehr im Umfeld ihre eigenen Höfe gebaut. Die ersten Siedler kamen da wohl auch aus den umliegenden Dörfern, wo ihnen langsam das Land ausging, und gründeten neue Höfe.

Almar kam mit seinen Leuten wohl aus Ottenheim und war ursprünglich ein freier Bauer. Im Laufe der nächsten Jahrhunderte entwickelte sich dann aber die mittelalterliche Grundherrschaft, und die Allmannsweirer bekamen Herren und Besitzer. Und hier kommen wir dann in die schriftliche Überlieferung der Urkunden hinein, und eben in die Zeit von 1016.

Kaiser Heinrich II hatte eben erst sein eigenes Bistum in Bamberg gegründet, und diesem wollte er natürlich eine angemessene Gründungsausstattung verleihen. Das tat er auch, denn später wurde Bamberg ein durchaus reiches Bistum, was sich noch heute im wunderschönen Dom der Stadt zeigt. Gerade in der Ortenau gab er viele Besitzungen an das neue Bistum, wie etwa auch das Kloster Schuttern. Dieses war aber über die letzten Jahre sehr verarmt, und so schenkte er dem Kloster eben noch einige Orte im Ried und im Elsass, damit dieses Geschenk auch etwas wert war, oder zumindest überlebensfähig. In unserer Urkunde schenkte er den Mönchen Besitzungen in Malterdingen, Heiligenzell, Friesenheim und Plobsheim, und in einem späteren Nachtrag wird neben anderen Orten dann auch Allmannsweier erwähnt. In einer anderen Urkunde von Papst Innozenz II. aus dem Jahre 1136 wird Allmannsweier ebenfalls an Schuttern gegeben. Die Originalurkunden sind uns nicht überliefert, sonst hätte ich sie Ihnen gerne gezeigt.

Die Bamberger Bischöfe nahmen ihre Herrschaftsrechte in der Ortenau aber kaum wahr: die Region war einfach zu weit entfernt, und so überließen sie die weltliche Verwaltung den Zähringern, einem Hochadelsgeschlecht aus der Freiburger Gegend und einer der wichtigsten Familien im Reich. Als die Zähringer 1218 im Mannesstamm ausstarben, kamen die Ortenau und die Bamberger Rechte in die Hand des Stauferkaisers Friedrich II, der auch sogleich in die Gegend eingriff und die Tiefburg an der Schutter bauen ließ, aus der dann später die Stadt Lahr erwuchs. Friedrich regierte meistens von Sizilien aus, und das war ja noch weiter weg als Bamberg, und so ließ auch er die Verwaltung von einer Familie aus der Gegend durchführen, nun von den Geroldseckern, die dadurch reich und mächtig wurden.

In den nachfolgenden Jahrhunderten wurden einzelne Herrschaftsrechte durch die Könige und Kaiser, und dann auch durch die unteren Adelsfamilien, immer weiter verliehen und verpfändet, und alle Erwähnungen unseres Dorfes in den Quellen dieser Zeit kommen aus Besitzbestätigungen, Belehnungen, Verpfändungen und Verleihungen. Die dadurch entstandenen Besitzverhältnisse im Mittelalter sind viel zu kompliziert, als dass ich sie hier kurz darstellen könnte. Das war – gerade im Spätmittelalter – im gesamten Reich so. Überall wurden zwischen den Reichen und Mächtigen Herrschaftsrechte über Dörfer und Menschen hin und hergeschoben und die Einkünfte aufgeteilt. Wir finden Allmannsweier immer nur in den Quellen, wenn die Allmannsweirer mal wieder neue Herren bekamen.

Ein klein wenig Information über das Dorf selbst können wir aber doch aus den Schriftstücken herausziehen. Wir erfahren zum Beispiel, dass 1296 schon ein kleines Kirchlein im Dorf stand. Es war dem heiligen Nikolaus geweiht, war eine Filiale der Kirche in Ottenheim und wurde von einem Kaplan betreut. 1508 wurde aber das Patronat von Ottenheim auf Almannsweier übertragen, da die alte Ottenheimer St.-Lorenzkiche in diesem Jahr einem Rheinhochwasser zum Opfer gefallen war. Wie unsere Kirche im Mittelalter aussah, wissen wir nur in den groben Zügen. Es gibt eine Beschreibung der alten Kirche aus dem Jahre 1741, also vor dem Neubau von 1783, den wir heute kennen. Danach maß das Langhaus etwa 9 auf 6 Meter, war etwa 4 Meter hoch, mit einem Chor von ungefähr 4 Metern Durchmesser. Weiter heißt es „Auf dem Lang Hauß grad gegen die Gaß durchs Dorf hinunter [die heutige Krumme Straße] stunde ein Höltzern thürnlein mit grünen Zieglen gedeckt, darauf ein blechener Knopf und Hahne. Unter dem Dach waren die wänd außerhalb mit Diehlen zugeschlage.“

Abgesehen von solchen Gemeindeereignissen wie dem Bau einer Kirche wird sich das Leben für die Allmannsweierer in diesen Jahrhunderten aber wenig geändert haben. Die vielen Herrschaftswechsel bedeuteten nur, dass man die Zehnten und Abgaben halt immer mal wo anders abzugeben hatte, aber ansonsten blieb das Leben gleich – es spielte sich ab zwischen den immer festen Terminen von Aussaat und Ernte. Mal wurde man von Raubrittern überfallen, wie etwa von der Burg Schwanau auf einer Rheininsel, mal gab es Heuschreckenplagen (wie im Jahre 1338), und immer wieder Missernten und Rheinhochwasser, aber im Großen und Ganzen lebten die Menschen immer gleich.

Von besonderer Bedeutung war, dass Allmannsweier 1540 zu Straßburg gehört hatte, weil in diesem Jahr von dort aus die Reformation in Allmannsweier eingeführt wurde. Seit diesem Zeitpunkt ist das Dorf ununterbrochen evangelisch. Auch sonst ist die Reformation nicht spurlos am Dorf vorübergegangen: Auch Allmannsweierer Bauern beteiligten sich am Bauernkrieg und am Überfall auf das Kloster Schuttern, aber mit dem Scheitern dieser Revolution wurden die Zeiten schwer für die Bauern. Als im folgenden Jahrhundert, im Jahre 1618, der Dreißigjährige Krieg ausbrach, litt Allmannsweier noch mehr. Immer wieder wurde das Dorf von umherziehender Soldateska überfallen, ausgeplündert, niedergebrannt und die Allmannsweirer vergewaltigt oder umgebracht. Wie fast überall in Deutschland wurde die Bevölkerung um fast drei Viertel reduziert. Die letzten Zahlen vor 1618 sprechen noch von 417 Einwohnern. Am Ende des Krieges waren in Allmannsweier nur noch etwa 100 verblieben. Dennoch wurde das Dorf auch nach dem Krieg immer wieder von neuen Feldzügen und Zerstörungen heimgesucht. Nur sehr langsam erholte sich die Ortenau und auch Allmannsweier wieder von diesen Kriegsgräueln, und erst sehr langsam nahm auch wieder die Bevölkerungszahl im Dorf wieder zu.

Nach Kriegen, Überschwemmungen und Mißernten trat dann aber im späten 18. Jahrhundert eine kurze Besserung der Verhältnisse ein. 1774 verteilte Carl Ludwig Lotzbeck aus Lahr die ersten Tabaksamen unter die Bauern in der Region, was für die nächsten Jahrhunderte eine neue Wirtschaftsgrundlage schuf. In diesen Jahren bauten sich die Allmannsweirer ihre neue Kirche, das spätbarocke Prachtstück, das Sie alle kennen.

Die Herrschaft wechselte immer noch oft zwischen verschiedenen Händen. Die Besitzverhältnisse waren immer noch so kompliziert wie im Mittelalter, und es wurde in der Neuzeit nur noch komplizierter. Noch immer wurde Allmannsweier – beziehungsweise die Herrschaft darüber und die Einkünfte daraus – aufgeteilt, verliehen, verpfändet, ausgelöst, ererbt und erheiratet. Laut einem Verzeichnis der Herrschaftsrechte, besaßen drei Familien, die Holzapfel, die Böcklin von Böcklinsau und die Zornen von Plobsheim vier Fünftel des Dorfes, während die Stadt Straßburg ein Fünftel besaß – und das ist noch eine der einfacheren Aufstellungen.

Wie gesagt, generell bedeuteten solche Herrschaftswechsel nicht viel für das alltägliche Leben im Dorf. In der Neuzeit wurden aber die Steuern und nicht zuletzt auch die Vorschriften seitens der verschiedenen Obrigkeiten doch zu viel für viele Allmannsweirer. Im Bauernkrieg hatte man sich noch dagegen erhoben, aber danach war es nur noch schwieriger geworden. Vereinzelt murrte man noch gegen die Obrigkeiten, aber ein paar Tage im Turm bei Wasser und Brot beendeten solches Murren zumeist auch. Selbst als 1806 die Vielstaaterei abgeschafft wurde und all diese Regionen dem Großherzogtum Baden zugeschlagen wurden, hatte die Ortsherrschaft noch feudale Züge. Noch immer waren die Böcklin von Böcklinsau die Ortsherren und die Allmannsweirer Bauern mussten ihnen noch immer den Heuzehnten zahlen und Holzgefälle oder sogar Fastnachtshühner liefern. Erst 1844 wurden die Herrenfrohnen in Allmannsweier abgelöst. Und auch die badische Verwaltung war nicht viel besser. Aus dem Jahre 1826 findet sich sogar eine Verordnung des großherzoglichen Bezirksamtes in Lahr, die das Backen der Neujahrsbrezeln beenden wollte. „Statt dießer jährlichen Pretzeln“, so heißt es, da, das lesen Sie im Unteren Teil des Textes, statt dieser Brezeln sollten die Paten „den Göttelkindern etwa bey ihrer Confirmation ein nützliches Buch oder sonst etwas von bleibendem Werth zum Andenken […] geben.“

Dass sowas nicht sonderlich populär war können sie sich denken (zumal die gleiche Verordnung auch noch das Schießen und das Branntweintrinken an Silvester verbieten wollte). Dennoch waren über die Jahrhunderte die meisten Allmannsweirer mit ihrem Schicksal zufrieden, oder zumindest nicht so unzufrieden, dass sie das Dorf hätten verlassen wollen. Bei vorbeiziehenden Armeen flüchtete man sich in die Wälder, und kam danach wieder. Man beerdigte die Toten, baute wieder auf und lebte weiter. Aber: im späten 18. Jahrhundert änderte sich das.

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Da unser Thema heut ja auch „Allmannsweier in der Welt“ heißt, möchte ich, in der Zeit, die mir in diesem Vortrag noch verbleibt, noch auf Allmannsweirer Auswanderer und Einwanderer eingehen.

Nach den Kriegen des 17. Jahrhunderts hatte Allmannsweier selbst eine lange Friedenszeit erlebt, in der die Bevölkerung wieder stetig anstieg. Hielten sich aber die Kriege nun von der Region fern, so gab es doch immer wieder Naturkatastrophen und Mißernten. 1770 wurde die Region von einem verheerenden Rheinhochwasser heimgesucht. Im Jahr darauf gaben viele Allmannsweirer ihr Dorf auf.

Schon lange waren österreichische Werber durch den südwestdeutschen Raum gezogen, um Siedler für die weiten Gebiete der Habsburgermonarchie im Osten, in Siebenbürgen und Ungarn zu finden, und in dieser Situation sprachen viele Allmannsweirer darauf an. Über 70 Personen machten sich auf, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Die meisten von ihnen zogen in den Ort Mühlbach in Siebenbürgen, heute Sebeș in Rumänien.

Im Gegensatz zu dieser Auswanderung nach Siebenbürgen, die auf Anwerbung hin geschah, und wo ein großer Teil der Bevölkerung das Dorf auf einen Schlag verließ, war die Auswanderung nach Amerika ein viel langsamerer Prozess. Das demokratische Amerika war im 19. Jahrhundert immer eine lockende Alternative für nachgeborene Söhne armer Familien. Der erste Auswanderer aus dem Ort war 1832 Johannes Leppert mit seiner Familie, und ihm folgten in den nächsten Jahrzehnten noch viele Allmannsweirer. 1853 wanderten etwa die Brüder Ferdinand und Theobald Herrmann nach Chilicothe in Ohio aus. Sie hatten in Allmannsweier nicht viel zu gewinnen. Sie waren die unehelichen Söhne einer Tagelöhnerin, die selbst ein uneheliches Kind einer Dienstmagd war. Eine ihrer Töchter setzte die traurige Karriere ihrer Mutter fort und hatte selbst wieder zwei uneheliche Kinder. Solche Familien verarmten sehr häufig, und gerade für solche jungen Männer musste Amerika wie ein verheißenes Land klingen. Ferdinand Herrmann finden wir dann im amerikanischen Zensus von 1880 in Ohio wieder – verheiratet mit sechs Kindern und einem eigenen Hof. Oft sind auch gerade alleinstehende Frauen mit Kindern ausgewandert. Insgesamt waren es gerade die Menschen, die hier nichts hatten oder nichts zu erhoffen hatten, die sich nach Amerika aufmachten. Über Carl Leser heißt es im Kirchenbuch, er sei „im Frühjahr 1846 als notorisch Armer nach Nordamerika ausgewandert“. Die ganz mittellosen konnten oft auch gar nicht auswandern, da sie sich schlicht und einfach die Überfahrt nicht leisten konnten. Außerdem musste man bei den Obrigkeiten schon einen Auswanderungsantrag stellen, der auch aufgrund Mittellosigkeit abgelehnt werden konnte. Viele dieser Armen hatten sich aber einfach geheim und ohne Erlaubnis (und ohne die Abgabe zu bezahlen) aus dem Staub gemacht, um dann die Formalitäten erst zu regeln, wenn sie schon in Amerika waren.

Mit ihren Amerikanern hielten die Allmannsweirer noch Jahre nach deren Auswanderung Kontakt. Ein interessantes Zeugnis aus dem Jahre 1862 hierfür findet sich im Gemeindearchiv Allmannsweier: Ein Rundbrief des Generalkonsulats der Vereinigten Staaten von Amerika an die verschiedenen Gemeinden in den deutschen Staaten. Darin heißt es „Die Folgen des gegenwärtigen Amerikanischen Krieges [gemeint ist natürlich der amerikanische Bürgerkrieg] werden die Beziehungen der diesseitigen Landesangehörigen mit ihren in den Vereinigten Staaten von Amerika lebenden Verwandten in vielfache Anregung bringen.“ Das Konsulat bietet hier an, diese Kontakte zu sammeln und gebündelt nach Amerika zu bringen. Das zeigt, wie lange diese Kontakte mit den ausgewanderten Verwandten noch aufrechterhalten wurden.

Allmannsweirer wanderten aber auch in andere Regionen aus, in die Steiermark, in die Schweiz oder schon 1882 bis nach Australien. Aber ich möchte sie natürlich nicht mit dem Eindruck in den weiteren Abend entlassen, dass aus Allmannsweier immer alle nur wegwollten. Genauso wie viele Allmannsweirer in schwierigen Zeiten ausgewandert sind, sind in anderen Zeiten auch immer wieder neue Leute eingewandert, und das aus den verschiedensten Weltgegenden, in denen es zu den Zeiten eben schwierig war. Migration gab es natürlich schon immer und in allen Formen (das sehen wir auch heute gerade wieder), und nicht immer waren die Allmannsweirer Fremden gegenüber freundlich gesinnt. Manchmal wurden sogar schon Leute vom Kaiserstuhl im Kirchenbuch als „ein fremder, hergeloffener Mensch“ bezeichnet. Zu manchen Zeiten gab es scheinbar so viel umherziehendes Volk, dass sich die örtlichen Autoritäten veranlasst sahen, in den einzelnen Dörfern Bürgerwehren aufzustellen, die dann die Felder im Umland patrouillieren sollten (auch hier haben wir wieder einen aktuellen Bezug). In dieser Verordnung heißt es dann „Wenn man nun, welcher ein Landstreicher, Gauner, Zigeuner, sonsten Herrenlos oder unbekannt wäre, wie auch die umlaufende Krämer, Scherenschleifer, Spengler und dergleichen, es seyen Manns- oder Weibspersonen, jung oder alt, findet, dene solle man anhalten, damit er von jedes Orts Obrigkeit examinieret werden könne.“

Trotz solcher Zurückhaltung gegenüber den Fremden und trotz vieler Probleme, die Integration immer wieder mit sich brachte, kamen auch immer wieder Fremde nach Allmannsweier, und viele von ihnen siedelten sich auch hier an. Nach dem Dreißigjährigen Krieg etwa kamen viele Schweizer in unser Dorf, die meisten von ihnen aus der Berner Gegend. Die Schweiz war von den Kriegswirren weitgehend verschont geblieben, und so gab es dort Überbevölkerung – ein Problem, das man in den Dörfern im Oberrheintal wirklich nicht mehr hatte. Die Schweizer übernahmen leerstehende Häuser. Als Neueinwanderern blieb ihnen aber das Bürgerrecht und der Landbesitz noch versagt, und so übten sie Berufe aus, die von der Landwirtschaft unabhängig waren. Viele von ihnen wurden angesehene Handwerker, aber voll integriert wurden sie nur in wenigen Fällen, da man nur auf wenige Ehen zwischen den Schweizern und den Allmannsweirern stößt. Später siedelten sich viele dieser Ried-Schweizer in einem eigens für sie angelegten Dorf an, das heute den Namen Daubensand trägt. Im Allmannsweier dieser Tage bedeutete Integration vor allem, dass man das lutherische Bekenntnis annahm, und man liest es in den Quellen immer wieder, wie einzelne Schweizer in Allmannsweier ihrem calvinistischen Glauben abgeschwört haben. Manchen fiel es scheinbar schwer: Hans Furrer, tat dies auch 1666, als er in Allmannsweier ankam, musste es aber „nach einem Rückfall“ in den 1680er Jahren noch einmal tun. Andere, wie Peter Furrer, blieben ihrem calvinistischen Glauben treu. Auch Caspar Hoffmann war ein solcher „halsstarriger Calvinist“ So finden sich die Schweizer Namen auch nicht lang in Allmannsweier. Viele von ihnen scheinen schon bald wieder abgewandert zu sein, nicht zuletzt nach Daubensand.

Auch in den folgenden Jahrhunderten wanderten immer neue Menschen nach Allmannsweier ein, und nicht immer hieß es „Herzlich Willkommen“. Einwanderung und Integration war nicht immer leicht, und oft wurden der Integration auch bürokratische Hürden in den Weg gelegt. Sie müssen bedenken, dass man noch im 19. Jahrhundert für eine Heirat im Ausland oder mit einem Ausländer die Erlaubnis der Obrigkeit einholen musste. Aber oft wurden Einwanderer eben auch willkommen geheißen und integriert. In anderen Einwandererwellen verlief es nämlich anders. Wie nahezu jeder Ort in Deutschland nahm auch Allmannsweier nach dem Zweiten Weltkrieg eine große Zahl von Flüchtlingen aus dem ehemaligen deutschen Ostgebieten, aus Pommern, Schlesien und Ostpreußen, wie auch aus anderen osteuropäischen Regionen auf. Später im 20. Jahrhundert, in den 60er-, 70er- und 80er-Jahren, als ganz Deutschland sich langsam zur Einwanderungsgesellschaft wandelte, kamen wieder neue Bürger hinzu. Diese stammten nun schon aus Frankreich, Italien, Algerien, Polen, der Türkei, Tunesien, Nigeria, Kolumbien und Kanada. Schon in den 1990er Jahren nahm Allmannsweier verschiedene Asylbewerber aus Ghana, Nigeria, Zaire, Angola und Äthiopien auf. Zudem kamen in den 1990er Jahren auch viele Spätaussiedler aus verschiedensten Gegenden Russlands und Kasachstan zu uns.

Über die Jahrhunderte hinweg sind im Ried immer neue Menschen eingewandert und haben sich mit der bestehenden Bevölkerung vermischt und sich ihr angepasst. Das geht schon bei Kelten und Römern und bei Alemannen und Franken los. Es setzt sich fort über die vielen Völkerschaften und Heere, die in den folgenden Jahrhunderten durch die Gegend gekommen sind, über die Schweizer Einwanderer nach dem Dreißigjährigen Krieg hin zu den deutschen Heimatvertriebenen, den Russlanddeutschen, den Franzosen, Kanadiern und den vielen anderen Einwanderern. Natürlich war die Integration nicht immer leicht, hat manchmal auch gar nicht stattgefunden, und auch Akzeptanz fanden die Fremden nicht immer. Immer wieder wurden Fremde aber auch willkommen geheißen, so dass viele Allmannsweirer heute schon gar nicht mehr wissen, dass sie ursprünglich von Einwanderern abstammen. Sie wurden im Dorf voll integriert. Meinem Vater wurde im MGV einmal gesagt „Dü bisch ke Kanadier meh, dü bisch jetzt e Almeschwierer.“

Vor sechzig Jahren leitete Pfarrer Dörflinger seine Dorfchronik noch mit dem Satz ein „Die Allmannsweirer sind Alemannen“. Das ist natürlich nicht falsch. Aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Schon die Alemannen werden von einem römischen Historiker als „zufällig zusammengelaufen und untereinander vermischt“ bezeichnet. Und die Allmannsweirer sind auch nicht nur Alemannen –sie sind auch Römer und Franken. Und das gilt nur für die Ursprungszeit. In den Jahrhunderten danach kamen noch Menschen aus aller Herren Länder um hier zu leben. Und so sind die Allmannsweirer eben auch Schwaben, Elsässer, Schweizer, Bayern, Sachsen, Hessen, Preußen, Schlesier, Franzosen, Italiener, Kroaten, Tschechen, Slowaken, Ungarn, Kanadier, Kolumbier, Polen, Türken, Russen, Marokkaner, Algerier, Nigerianer, Kenianer, und jetzt eben auch Syrer. So stehen 1200 Jahre Dorfgeschichte Allmannsweiers immer auch zwischen Tradition und Ortsverbundenheit auf der einen Seite und Innovation und Migration auf der anderen.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!


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Zum Autor Dr. Thomas Foerster

Dr. Thomas Foerster

Dr. Thomas Foerster

Dr. Thomas Foerster, geb. 1977, ist in Alllmannsweier aufgewachsen. Nach dem Abitur in Lahr, dem Studium der Geschichte und der Arbeit als wissenschaftlicher Angestellter am Historischen Seminar der Universität in Heidelberg wurde er 2008 promoviert. Danach arbeitete er von 2008 bis 2012 am Centre for Medieval Studies in Bergen (Norwegen) und seit 2013 als wissenschaftlicher Angestellter am Norwegischen Institut in Rom.

Weiter Forschungsaufenthalte bestritt er am Sidney Sussex College der Universität Cambridge (2007), am Centre for Medieval Studies an der Karls-Universität in Prag (2009), am Deutschen Historischen Institut in Paris (2013) und am Internationalen Kolleg für Geisteswissenschaftliche Forschung an der Universität Erlangen (2013 und 2015).

Seine Forschungsschwerpunkte sind die europäische Geschichte des Hochmittelalters, insbesondere des 12. Jahrhunderts, wobei er einen besonderen Schwerpunkt auf Geschichtsschreibung und politische Kultur legt. Ein weiteres Forschungsinteresse ist auch die südwestdeutsche Landesgeschichte, gerade auch in der Ortenau. So publizierte er schon 2004 einen Artikel über die Eroberung der Burg Hohengeroldseck durch die Habsburger im Jahre 1486.